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Handwerker: Warum das Klischee vom "überteuerten Pfuscher" falsch ist

23.04.2018

Hausbauer in Deutschland haben in den vergangenen Jahren eine ziemlich festgelegte und ziemlich falsche Sichtweise auf die gesamte Handwerksbranche bekommen. Nämlich „Hoher Preis, niedrige Qualität“. Ein gefährlicher Weg, der zudem in den meisten Fällen falsch und verzerrt dargestellt wird. Der folgende Artikel liefert die Hintergründe.

Ohne Handwerker geht nichts am Bau. Foto: pixabay.com © annawaldl
Gold-Bezahlung einfordern aber Blei-Leistung erbringen. Über Handwerker brechen viele Häuslebauer vorschnell und unfair den Stab. foto: pixabay.com © annawaldl

1. Woher das Klischee vom Pfuscher kommt

Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Umgelegt auf das Artikelthema bedeutet es, dass überall wo gebaut wird, natürlich auch Fehler gemacht werden – selbst ein nach dem zweigliedrigen Ausbildungssystem geschulter Handwerker ist schließlich kein Supermann.
Schuld daran, dass heutzutage viele Handwerker über einen Kamm geschoren werden, ist etwas anderes. Eine große Rolle für die Initialzündung des Fehlglaubens spielten Boulevardsendungen im Privatfernsehen. Da wurde im Kampf um Einschaltquoten in rührigen Beiträgen von nur auf Geld bedachten, pfuschenden Bauunternehmern  berichtet und somit eine breite Masse hellhörig gemacht. Heutzutage jedoch wichtiger für das Bild sind die sozialen Netze. Hier spielt das gleiche Wirkprinzip eine Rolle, wie es auch bei den Fake News zum Einsatz kommt:

  1. Jemand schreibt etwas über vermeintlichen Baupfusch ohne Angabe von Ort, Zeit und Verantwortlichem
  2. Die Geschichte klingt für viele interessant, vielleicht auch glaubwürdig
  3. Sie wird geteilt und verbreitet sich rasend schnell

Am Ende gibt es kaum jemanden, der noch nichts über Baupfusch gelesen hat – und glaubt, dass die Fälle, die er im Netz sah, alle in Deutschland passierten. Und schon herrscht wegen der Verbreitungsmasse der Glaube, dass es hierzulande nur so von Mängeln wimmeln würde.

Befeuert wird der Irrglaube dadurch, dass auch Häuser immer komplexer werden. Tritt das mit Wissenslücken und Fehlverhalten zusammen, entsteht ebenfalls schnell der Pfusch-Glaube –weiterverbreitet durch die sozialen Medien. Das vielleicht beste Beispiel: Schimmel. Hier gibt es zwei Grundfaktoren:

  1. Häuser müssen heute gesetzesgetreu gedämmt werden, um auf die Werte der EnEv zu kommen. Das zieht zwingend ein anderes „Bewohnverhalten“ nach sich
  2. Häuser werden dank moderner Materialien heute ohne austrocknende Winterpause gebaut. Dadurch enthält die Bausubstanz beim Einzug erheblich mehr Wasser als in früheren Jahren

Beide Faktoren treffen nun auf Hausbesitzer, die a) Geld sparen wollen und deshalb nicht so korrekt alle Räume heizen und die Möbel postieren, wie es ob der Wassermassen notwendig wäre und b) vielleicht keine Ahnung haben, wie man im Angesicht moderner Dämmungen (und abermals besagten Wassers) korrekt lüften muss.

Das Resultat ist Schimmel und der vorschnelle Vorwurf, ein Opfer von Baupfusch geworden zu sein. Und selbst wenn alles aufgeklärt werden kann, etwas bleibt immer haften. Und passiert das tausende Male, glaubt schnell ein ganzes Land, dass alle Handwerker Pfuscher wären.

Schimmel im Haus. Foto:pixabay.com © PublicDomainPictures
Schimmel ist nur ein Beispiel für angeblichen Pfusch, der tatsächlich meist durch falsches Verhalten der Hausbesitzer entsteht. Foto: pixabay.com © PublicDomainPictures

2. Woher das Klischee vom überteuerten Handwerker kommt

Gerade geht wieder ein handwerklicher Preisskandal durch die Medienlandschaft. Der vom überteuerten Schlüsseldienst. Und besonders weil sich hier Preis und Leistung oft gefühlt erheblich voneinander unterscheiden, befeuern solche Meldung ebenfalls den Glauben, dass Handwerker generell fürchterlich überteuert seien.

Tatsächlich sind deutsche Handwerker, insbesondere die, die Häuser bauen, genauso teuer (oder günstig) wie es das allgemeine Preisniveau in unserem Land und in einer Region erlaubt. Und da gibt es gewichtige Faktoren, die an der Preisgestaltung unmittelbar beteiligt sind:

  • Ein deutscher Handwerksfirmenbesitzer unterliegt den gleichen Steuern und Abgaben wie jeder andere Selbstständige hier – und die sind im Vergleich zu umliegenden Ländern ziemlich happig. Das kann jeder Arbeitnehmer durch einen Blick auf seine Gehaltsabrechnung selbst feststellen.
  • Er muss genug Geld verlangen und einnehmen, um seine Arbeiter nach geltenden Tarifen zu bezahlen; Mindestlohn gilt auch im Handwerk.
  • Er muss hochwertige, deutschen und europäischen Normen unterliegende Baumaterialien einkaufen. Vieles davon wird ebenfalls in Deutschland produziert, sodass es keine Vergünstigungen durch globalisierten Einkauf wie in anderen Branchen gibt.
  • Er muss bei der Ausführung sehr viel mehr und schärfere Normen einhalten als seine Kollegen in anderen Ländern. Alles, was davon abweicht, gilt prinzipiell schon als Fehler, obwohl es für Sicherheit, Optik und Langlebigkeit einer Arbeit keinerlei negativen Auswirkungen hat. Und diese erforderliche Präzision dauert länger und kostet mehr

Eine weitere Begründung kommt noch durch etwas anderes, nämlich das ganz normale marktwirtschaftliche Prinzip von Angebot und Nachfrage. Momentan herrscht dank der Niedrigzinsen ein Bau-Boom in Deutschland. Dem entgegen stehen aber nicht die entsprechend großen Zahlen an ausführenden Unternehmen. Schaut man sich alleine mal an, wie viele Bauunternehmer die Auskunft im Raum Frankfurt auflistet, ist das für eine Metropole dieser Größenordnung schlicht zu wenig. Und ähnlich sieht es überall in Deutschland aus. 

Leider ist auch keine Besserung zu erwarten, denn es mangelt am Nachwuchs.  In sämtlichen Handwerksbranchen, die für den Hausbau zuständig sind, fehlen die Auszubildenden. Um das mal in Zahlen darzustellen: Momentan gibt es in Deutschland knapp drei Millionen Studenten aber keine 1,5 Millionen Azubis – und darin sind alle Ausbildungsberufe inkludiert, nicht nur die Handwerker im Baugewerbe. Das bedeutet also, dass Jahr für Jahr weniger Bauhandwerker eine immer größere Zahl an Aufträgen bewältigen müssen. Der Preisanstieg ist daher ganz normal und keineswegs auf Gier zurückzuführen.

Ein letzter Grund ist, dass das deutsche Baugewerbe (zusammen mit dem Transportgewerbe) besonders negativ von den Grenzöffnungen der EU getroffen wurde. Jedes in einem EU-Land angesiedelte Unternehmen darf seine Dienste in jedem anderen EU-Land anbieten – bei öffentlichen Ausschreibungen ist es sogar Pflicht, diese europaweit bekannt zu machen. Das führt dazu, dass Handwerker aus Ländern, in denen das allgemeine Preisniveau niedriger liegt, natürlich auch ihre Dienstleistungen hier billiger anbieten können und tun. Und natürlich wirkt es dann im Vergleich so, als ob der deutsche Handwerker überteuert wäre.

Dass nach dem Wegfall des Meisterzwanges in manchen Bauberufen auch die Zahlen der Einmannbetriebe und Nebenerwerbs-Handwerker durch die Decke schossen, ist da nur ein weiterer Nagel in dem Preis-Brett, an dem Handwerker zu knabbern haben.
Abschließend sollte man auch eines im Auge behalten: Jedes Haus, das in Deutschland gebaut wird, wurde mehrfach, auch von unabhängiger Seite, abgenommen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein wirklich massiver Fehler hier unbemerkt durchzieht, tendiert sehr weit nach unten.

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