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Fakten zu Wärmedämmverbundsystemen

08.05.2019

Ulrich Krenn ist Sprecher von Qualitätsgedämmt e.V. Der Vereins hat es sich zum Ziel gesetzt, eine sachliche Diskussion zum Thema „Wärmedämmung an Gebäuden“ zu unterstützen. Wir befragten ihn zu Wärmedämmverbundsystemen.

Wärmedämmverbundsysteme sorgen dafür, dass die Wärme nicht unkontroliert nach außen entweicht. Foto: Verband privater Bauherren
Die Thermographie zeigt, dass bei diesem Haus gut gearbeitet wurde: Außer an dem gekippten Fenster zeigen sich keine Schwachstellen - sogenannte Wärmebrücken. Foto: Verband privater Bauherren

Was ist ein Wärmedämmverbundsystem?

Ulrich Krenn: Ein Wärmedämmverbundsystem (WDVS) ist eine sehr wirkungsvolle bauliche Maßnahme an der Fassade, den Energieverbrauch von Gebäuden und damit den Ausstoß von klimaschädlichem CO2 drastisch zu senken. Daneben trägt ein WDVS dazu bei, das Wohnraumklima im Inneren des Hauses spürbar zu verbessern und den Wert einer Immobilie zu erhalten oder zu steigern.

Welche Rolle spielt eine gut gedämmte Fassade bei der Energiebilanz eines Wohnhauses?

Ulrich Krenn: Eine sehr große. Ein WDVS ist der sprichwörtliche „Pullover“, der das Haus während der jährlichen Heizperiode warm hält. So lassen sich, je nach Baujahr und Zustand einer Immobilie mit einer sanierten Gebäudehülle, bis zu 40 Prozent an Heizenergie sparen. Auch im Sommer hat eine Fassadendämmung große Bedeutung für das Wohlfühlklima im Haus: Ein WDVS hält das Haus angenehm kühl.

Aus welchen Komponenten besteht ein WDVS?

Ulrich Krenn: Ein WDVS besteht aus mehreren, exakt aufeinander abgestimmten Komponenten. Diese müssen für sich genommen ihre Aufgabe perfekt erfüllen und als Gesamtsystem funktionieren. Auf die ebene Außenwand folgt als erstes eine Kleberschicht. Diese schafft eine luftdichte Verbindung zur Dämmplatte, die aus unterschiedlichen Materialien gefertigt sein kann. Je nach Typ, Größe und Gewicht einer Dämmplatte wird diese zusätzlich mit dem Mauerwerk verdübelt. Die gängigsten Materialien für die Dämmplatte sind expandiertes Polystyrol (EPS) und Mineralwolle. Auf die Außenseiten der Dämmplatten wird ein Unterputz sowie eine flexible Bewehrung oder Armierung aufgebracht, um bei großen Temperaturunterschieden die unterschiedlichen Ausdehnungen der Materialien auszugleichen. Erst darauf haftet der Oberputz, der entweder eingefärbt ist oder individuell gestrichen wird.

Kann man ein WDVS als Bauherr frei zusammenstellen?

Ulrich Krenn: Davor ist dringend abzuraten. Damit alle Komponenten zusammenpassen und dauerhaft miteinander funktionieren, müssen alle Bestandteile aus einem System, also von einem Hersteller sein. Nur so kann dieser Funktion und Langlebigkeit gewährleisten.

WDVS wurden in den letzten Jahren oft mit verheerenden Hausbränden in Verbindung gebracht.

Sind WDVS brandgefährlich?

Ulrich Krenn: Alle in Deutschland zugelassenen Dämmsysteme entsprechen den Anforderungen an den baulichen Brandschutz. Das ist in den jeweiligen Landesbauordnungen geregelt. Zum anderen: Viele der zitierten Fälle haben mit einem Wärmedämmverbundsystem nichts zu tun. Beispiel Grenfell-Tower in London. Auch hier wurde fälschlicherweise „die Wärmedämmung“, speziell sogar ein einzelner Dämmstoff, verantwortlich gemacht. Tatsächlich war dort ein völlig anderes Fassadensystem verbaut - mit Aluminiumplatten, die abbrannten und abschmolzen, sowie einem Luftspalt zwischen der Außenwand und der Fassadenverkleidung, was einen katastrophalen Kamineffekt bewirkt hat.

Von den jährlich rund 200 000 Brandfällen in Deutschland ist in rund einer Handvoll Fällen ein WDVS bei der Brandausbreitung beteiligt. Das ist ein sehr, sehr kleiner Anteil im extremen Promillebereich. Aber natürlich muss man jedes Brandereignis für sich ernst nehmen. Die Hersteller haben in den letzten Jahren technisch viel unternommen, um die Brandsicherheit von Fassadendämmungen zu erhöhen. Wer ganz sicher gehen will, nimmt nicht brennbare Dämmstoffe, wie sie etwa im Bereich von Hochhäusern ohnehin vorgeschrieben sind. Im Bereich der Ein- und Zweifamilienhäuser hat das Dämmmaterial so gut wie keinen Einfluss auf die Brandsicherheit eines Gebäudes.

Sind WDVS mit EPS- oder PUR-Dämmung ökologisch fragwürdig?

Viele Dämmschäume sind bei der Entsorgung Sondermüll. Wie schätzen Sie das ein? Gibt es Alternativen?

Ulrich Krenn: Was Sie „Sondermüll“ nennen, heißt lediglich, dass diese Dämmstoffe bei einer Verwertung in einer Müllverbrennungsanlage seit gut zwei Jahren getrennt erfasst und angeliefert werden müssen. Das ist in erster Linie eine Sicherheits-Maßnahme, damit bei der Verbrennung in der Großanlage gewisse Temperaturen nicht überschritten werden. Dazu werden diese Abfälle mit anderen Stoffen durchmischt, da beispielsweise EPS einen sehr hohen Brennwert hat. Das ist gut für die energetische Verwertung, bringt also viel Energie, die so praktisch „recycelt“ und erneut dem Energiekreislauf zugeführt wird. Bei der thermischen Verwertung von EPS werden auch Additive wie zum Beispiel Flammschutzmittel rückstands- und gefahrlos verbrannt.

Das Gebot zur getrennten Erfassung betrifft übrigens eine ganze Reihe von Rohstoffen und Verbundmaterialien; es ist kein spezifisches Thema für Dämmstoffe. Forschung und Entwicklung arbeiten derzeit an speziellen Verfahren, EPS wieder in seine ursprünglichen Einzelbestandteile, also auch Rohöl, zu „zerlegen“. Das funktioniert im Labor schon problemlos, es fehlt der Großversuch mit einer ausreichenden Menge an rückgebautem Dämmmaterial. Davon haben wir derzeit noch zu wenig.

Woran liegt es, dass WDVS-Fassaden veralgen und oft nach wenigen Jahren schäbig aussehen?

Ulrich Krenn: So seltsam es klingt: Ursache von Veralgungen im Außenbereich ist unsere Luft, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten tatsächlich sauberer geworden ist. Algen findet man heute, gerade jetzt im feuchten Frühjahr, an Straßenschildern, Straßenbegrenzungspfosten u.v.m.. Früher haben Schwefelstoffe in der Luft und im “sauren Regen“ diese Veralgungen unterbunden. An besonders feuchten Fassaden können sich Algen bilden. Besonders dann, wenn ein Gebäude einen zu geringen Dachüberstand hat, um Schlagregen und dauerhafte Befeuchtung zu verhindern. Aber diese Veralgung ist in der Regel kein technisches, sondern ein ausschließlich optisches Problem. Es lässt sich mit konventionellen Maßnahmen, wie einer Reinigung der Fassade, schnell beheben. Wie ein grundsätzlicher und proaktiver Schutz vor Veralgung aussehen muss, weiß der Architekt oder der entsprechende Fachhandwerker.

Hausbesitzer ärgern sich über die Spechtlöcher in WDVS.

Gib es WDVS die Spechte abhalten?

Ulrich Krenn: Wer partout keinen Specht als Mitbewohner im Haus haben will, lässt einen besonders dicken Außenputz anbringen. Dann klingt die Fassade beim „Probeklopfen“ eines Spechts nicht mehr hohl, und er verzichtet auf den Nestbau. Und wenn es schon passiert ist: Spechtlöcher lassen sich mit geringem Aufwand ausschäumen und neu verputzen. Im übrigen sind Spechtlöcher kein Dämmstoff-typisches Thema. Es betrifft auch Holz-, Bretter- oder verschalte Fassaden.

Was kostet ein WDVS?

Ulrich Krenn: Das hängt ab von der Wahl des Dämmstoffes, den baulichen Gegebenheiten wie viele Fenster, Außentüren oder Erker, die ein großflächiges Anbringen von WDVS verhindern. Als Faustregel kann man je nach Dämmstoff und Ausführung von 120 bis 150 Euro pro Quadratmeter Fassadenfläche ausgehen.

Kann man WDVS in Eigenregie (DiY) anbringen, um Geld zu sparen?

Ulrich Krenn: Besser nicht. Nur der qualifizierte Fachhandwerker kennt sich mit den einzelnen Komponenten und Systemen aus und weiß, was zum jeweiligen Gebäude passt. Er übernimmt im Rahmen seiner Gewährleistung auch die Garantie für ein dauerhaft funktionierendes WDV-Gesamtsystem. Das lohnt sich für den Hausbesitzer, denn ein abgestimmtes WDVS hält in der Regel sehr lange: Wenn der Fachhandwerker die Fassade auch später regelmäßig kontrolliert, bleibt diese über viele Jahrzehnte auch schön und voll funktionsfähig.

Wer bringt ein WDVS an?

Ulrich Krenn: In der Regel der qualifizierte Fachhandwerker. Das kann ein Maler sein oder ein Stuckateur und Fassadenbauer. Wer einen qualifizierten WDVS-Fachbetrieb in seiner Nähe sucht, findet ihn beispielsweise im Internet unter:
www.dämmen-lohnt-sich.de/fachhandwerker

Vielen Dank für das Gespäch!

(aus der Zeitschrift bauen. 6/7-2019)