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Gesund wohnen: Das Gesamtpaket zählt

27.06.2017

Gesund wohnen will jeder. Das funktioniert auch, wenn alle Beteiligten auf gute Baustoffe und sorgfältige Verarbeitung achten. Ein Gerichtsurteil macht die Sache aber komplizierter.

Foto: fotolia.de ©Antonioguillem

Das neue Zuhause soll der Ort werden, an dem wir auftanken und uns wohl und sicher fühlen. Damit das klappt, arbeiten viele Menschen Hand in Hand mit vielen hundert Baustoffen. Immerhin kommen in einem Einfamilienhaus rund 500 verschiedene Produkte zum Einsatz. Gleichzeitig sind Häuser heute nahezu luftdicht. Das spart Heizkosten, ist komfortabel und schützt vor Bauschäden. Die Wärme bleibt im Haus, Schadstoffe aber auch. Diese stammen aus den unterschiedlichsten Quellen, auch die verwendeten Baustoffe können dazugehören. Dabei ist eine gute und schadstoffarme Luft im Haus ein wichtiger Faktor, um sich wohlzufühlen und langfristig gesund zu bleiben.

 

Gesund wohnen: Der Blick aufs Ganze

Um dieses Ziel zu erreichen, sind einige wenige emissionsarme Baustoffe, deren gute Eigenschaften sich auf das komplette Haus übertragen sollen, nicht genug. Nicht jedes Bauteil ist für die Qualität der Innenraumluft relevant, aber je näher dran am Wohnraum und je größer die Fläche, umso wichtiger ist es. Dabei sollte man „Kleinigkeiten“ nicht übersehen. Dicht- und Fugenmassen, Kleber, Lacke, Holzbeschichtungen oder eine abschließende Politur können die Bemühungen um eine gute, gesündere Raumluft im Haus zunichte machen. Einige Hausanbieter und Architekten haben diese Zusammenhänge im Blick, aber längst noch nicht alle. 

Eine wichtige Rolle spielen die Handwerker, die Ihr Haus bauen und ausbauen. Nur wenn die Profis vor Ort wissen, was sie tun und welche Konsequenzen dies für die Gesundheit der Bewohner haben kann, sind Sorgfalt und Umsicht tägliche Begleiter auf der Baustelle. Das gilt auch für Eigenleistungen, mit denen viele Bauherren Geld sparen: Kaufen Sie nicht x-beliebige Produkte, wenn Ihnen Ihre Gesundheit und die Ihrer Familie am Herzen liegt. In allen Kategorien gibt es geprüft emissionsarme Angebote und solche, die das eben nicht sind. Teurer sind die „Guten“ in aller Regel nicht. 

Ziehen alle Beteiligten gut mit, ist auch eine abschließende, individuelle Raumluftmessung im neuen Haus kein Problem. Als Baufamilie bekommen Sie damit die Bestätigung, dass im neuen Zuhause gesundheitlich alles in Ordnung ist. 

 

Ein Urteil bringt Komplikationen

Im deutschsprachigen Raum räumt man der Bauqualität einen hohen Stellenwert ein. Das gilt auch für Bauprodukte. Ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs (Rechtssache C 100-13), das seit Herbst 2016 in Kraft ist, macht deren Beurteilung aber deutlich schwieriger. Kurz gesagt verbietet es den Mitgliedsstaaten, eigene Regeln für die Zulassung von Baustoffen zu erlassen, weil diese den freien Warenverkehr behindern. Als Konsequenz wurden für Bauprodukte, für die es eine europäische Norm gibt, die deutschen Zulassungsregelungen gekippt. Das bekannte Ü-Zeichen für die staatliche Überprüfung ist hier seitdem nicht mehr gültig. Vielmehr reicht das CE-Zeichen, um Baustoffe in Deutschland zu handeln und zu verwenden. Betroffen sind nahezu alle Bereiche, die für das gesündere Wohnen wichtig sind. Das Problem: Die europäischen Normen machen für sicherheitsrelevante Dinge oft gar keine oder unzureichende Vorgaben. Das betrifft neben Schadstoffemissionen zum Beispiel auch Fragen des Brandschutzes, der Standsicherheit oder des Schallschutzes. So reicht es aus, wenn ein Hersteller die Übereinstimmung seines Produktes mit den Vorgaben der Norm erklärt. Er kann zu manchen Punkten auch gar keine Angaben machen. „NPD“ heißt das dann: No performance declared.

Für alle Baubeteiligten, die Wert auf qualitativ hochwertige gesündere Häuser legen, wird es also komplizierter, entsprechende Produkte auszuwählen. Dazu kommt, dass Bauunternehmen und Architekten nun auch noch überprüfen müssen, ob die Angaben und Nachweise des Herstellers mit den Anforderungen der deutschen Baugesetzgebung für Gebäudeübereinstimmen. An der hat sich inhaltlich nämlich nichts verändert. Für diese Überprüfung haften sie zudem noch vor Gericht, sollte etwas schiefgehen. Vertrauen ist also gefragt, aber auch Kontrolle. Noch ist zudem vieles ungeklärt, weil wichtige Verordnungen noch nicht in Kraft sind. Auch hat Deutschland gegen die EU-Kommission geklagt, weil sie bei Holzböden und Sportböden die gesundheitlichen Kriterien der entsprechenden Normen für zu lasch hält. 

 

Hochwertige Label helfen

Für die Beurteilung der gesundheitlichen Qualität eines Produktes umso wichtiger sind nun hochwertige Baustofflabel. Davon gibt es eine ganze Reihe, aber nicht alle Zeichen prüfen wirklich unabhängig und normgerecht. Zudem ist die Suche ziemlich aufwendig. Eine Lösung ist das „Bauverzeichnis Gesündere Gebäude“ von Sentinel Haus Institut und TÜV Rheinland. Hier findet man viele gesundheitlich geprüfte Bauprodukte für alle Bereiche. Voraussetzung für die Aufnahme ist eine Zertifizierung durch eines der unabhängigen Prüfzeichen. Das Online-Bauverzeichnis bietet eine Datenbank mit aktuell 1 600 geprüften Produkten. Diese kann man recherchieren, auf einer Merkliste sammeln und exportieren. Zudem finden sich Experten für gesünderes Bauen und Sanieren sowie ein Verzeichnis realisierter Gebäude.

(aus der Zeitschrift Hausbau 7/8-2017)

Text: Volker Lehmkuhl



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